Wut in kleinen Dosen
Die Kameras, die Jürgen Kuhn für sein Projekt gebaut hat, waren ursprünglich mal Bonbon- und Keksdosen. Durch zugeklebte kleine Löcher in den Seitenwänden fällt bei Entfernen des Klebers Licht auf einen Diafilm im Innern der Dose. Dieser kann ganz normal entwickelt werden. Dennoch arbeitet der Künstler bei diesem Projekt ganz bewusst nicht mit regulären Kameras. Zum einen bieten die Dosen keine Möglichkeit, das Bild im Augenblick der Entstehung zu beeinflussen, es gibt weder Blende noch Verschlusszeit. Zum anderen können die Filme zwar entwickelt werden, sie können aber auch in der Dose bleiben, vor allen Blicken geschützt. Dies ist dem Künstler besonders wichtig, denn er arbeitet mit Menschen, die gerade ihre Therapie in einem Behandlungszentrum für Folteropfer an der Charité abgeschlossen haben. Diese Zusammenarbeit ist bereits letztes Jahr entstanden, an dem Projekt für Wuträume haben nun 5 Menschen aus verschiedenen Ländern teilgenommen. Während der wöchentlichen Treffen wird gekocht, geredet und es werden eben auch Wuträume thematisiert, Orte speziell in Deutschland, an denen die Patienten erneut traumatisiert oder wütend gemacht wurden. Mit den selbst gebauten Kameras kehren die Teilnehmer an diese Orte zurück und haben nun die Möglichkeit, sich ästhetisch mit ihnen auseinanderzusetzen.
Jürgen Kuhn ist Künstler, er ist kein Therapeut. Er arbeitet mit verschiedenen Medien, unter anderem Fotografie und Installation. Die Auseinandersetzung mit Wuträumen hat aber Potenzial, viele negative Erinnerungen und Emotionen wiederaufleben zu lassen. Die unterschiedlichen Hintergründe der Einzelnen stellen auch insofern eine Herausforderung dar, als dass aufgrund der Sprachbarriere bei fast jedem Treffen Dolmetscher dabei sein müssen. Dennoch überlegt Jürgen Kuhn, ein Langzeitprojekt daraus zu machen. Denkbar wäre, die Dosen in Krisengebiete zu schicken und dort belichten zu lassen.
In der Ausstellung werden nicht die entstandenen Fotos zu sehen sein, sondern die Kameradosen, mit denen diese aufgenommen wurden. Der Künstler und die Teilnehmer wollen vermeiden, dass durch die Bilder bloß Klischees bestätigt werden. Letztlich bleibt nur zu erahnen, was die Folteropfer in ihren persönlichen Wuträumen erlebt haben. Der Betrachter wird auf sich selbst zurück geworfen.