Archive for März, 2010

Essay über Wut

Mittwoch, März 17th, 2010

Auf einem Blatt Papier steht in großen schwarzen Buchstaben das Wort „Enttäuschung“. Es wird von einer Schülerin hochgehalten und fällt dann unter ihr auf den nassen Boden.

 

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Eine andere Schülerin liest einen Zeitungsartikel über einen Autounfall laut vor und wiederum ein anderes junges Mädchen lässt Luftballons platzen und drückt das Gefühl über ihre Gesichtsmimik aus. Die Schüler und Schülerinnen des Kunst-Leistungskurses der Bettina- von- Arnim-Oberschule entwickeln mit der Künstlerin Alisa Kotmair eine Videoinstallation zum Thema „Wut“. Sie suchen und zeigen verschiedene Formen, um Wut sichtbar zu machen.

Aus Videobildern, Fotos, Texten und Soundfragmenten entsteht so ein „poetisches Video-Essay“. Inspiriert werden die Schüler und Schülerinnen unter anderen von aktuellen Nachrichten, Arbeiten von Alexander Kluge und ihren ganz persönlichen „Wuträumen“ im Märkischen Viertel. Die Schüler und Schülerinnen begegnen dem Thema Wut sehr offen, da sie bereits im Wannseeforum Berlin künstlerisch dazu arbeiteten. Ebenfalls gibt die Künstlerin wenige Vorgaben, so dass die Gruppe eigene und individuelle Ideen entwickeln kann.

Die Projektarbeit findet an einem Schulvormittag statt, so dass nicht viel Zeit für genaue Überlegung und Planung bleibt.

Es gibt ein dynamisches und spontanes Ergebnis.

 

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Wut in kleinen Dosen

Mittwoch, März 17th, 2010

Die Kameras, die Jürgen Kuhn für sein Projekt gebaut hat, waren ursprünglich mal Bonbon- und Keksdosen. Durch zugeklebte kleine Löcher in den Seitenwänden fällt bei Entfernen des Klebers Licht auf einen Diafilm im Innern der Dose. Dieser kann ganz normal entwickelt werden. Dennoch arbeitet der Künstler bei diesem Projekt ganz bewusst nicht mit regulären Kameras. Zum einen bieten die Dosen keine Möglichkeit, das Bild im Augenblick der Entstehung zu beeinflussen, es gibt weder Blende noch Verschlusszeit. Zum anderen können die Filme zwar entwickelt werden, sie können aber auch in der Dose bleiben, vor allen Blicken geschützt. Dies ist dem Künstler besonders wichtig, denn er arbeitet mit Menschen, die gerade ihre Therapie in einem Behandlungszentrum für Folteropfer an der Charité abgeschlossen haben. Diese Zusammenarbeit ist bereits letztes Jahr entstanden, an dem Projekt für Wuträume haben nun 5 Menschen aus verschiedenen Ländern teilgenommen. Während der wöchentlichen Treffen wird gekocht, geredet und es werden eben auch Wuträume thematisiert, Orte speziell in Deutschland, an denen die Patienten erneut traumatisiert oder wütend gemacht wurden. Mit den selbst gebauten Kameras kehren die Teilnehmer an diese Orte zurück und haben nun die Möglichkeit, sich ästhetisch mit ihnen auseinanderzusetzen.

 


Jürgen Kuhn ist Künstler, er ist kein Therapeut. Er arbeitet mit verschiedenen Medien, unter anderem Fotografie und Installation. Die Auseinandersetzung mit Wuträumen hat aber Potenzial, viele negative Erinnerungen und Emotionen wiederaufleben zu lassen. Die unterschiedlichen Hintergründe der Einzelnen stellen auch insofern eine Herausforderung dar, als dass aufgrund der Sprachbarriere bei fast jedem Treffen Dolmetscher dabei sein müssen. Dennoch überlegt Jürgen Kuhn, ein Langzeitprojekt daraus zu machen. Denkbar wäre, die Dosen in Krisengebiete zu schicken und dort belichten zu lassen.

 

In der Ausstellung werden nicht die entstandenen Fotos zu sehen sein, sondern die Kameradosen, mit denen diese aufgenommen wurden. Der Künstler und die Teilnehmer wollen vermeiden, dass durch die Bilder bloß Klischees bestätigt werden. Letztlich bleibt nur zu erahnen, was die Folteropfer in ihren persönlichen Wuträumen erlebt haben. Der Betrachter wird auf sich selbst zurück geworfen.

Ragebook

Freitag, März 12th, 2010

 Ein Projekt der Künstlerin Monica Segura Márquez

Diese Arbeit visualisiert die individuelle Wut fünf unbegleiteter, jugendlicher Flüchtlinge, die in Berlin leben in Verbindung zu der virtuellen, globalen Welt des Internets. Der Raum der Wut befindet sich in ihrer virtuellen Realität. Manche der Teilnehmer leben seit vier Jahren hier, andere erst seit drei Monaten. Lamine aus Guinea, Navid aus dem Iran, Kseniya aus Tschetschenien, Ayai aus Sri Lanka und die anderen Jugendlichen kommen aus verschiedenen Ländern und flüchteten aus diversen Gründen. Ihnen gelang auf unterschiedlichsten Wegen die Flucht nach Deutschland. Dennoch verbündet sie eines. Sie verloren ihre Eltern und leben hier im Status einer Duldung, was konkret bedeutet, dass sie innerhalb kürzester Zeit abgeschoben werden können. Wie hat sich ihre Identität hier verändert? Wo liegt mittlerweile der Fokus ihrer Wut? Wo befindet sich ihre Wut im Kontext einer sich abgrenzenden EU und der Überwindung dieser Grenzen, durch ihre Flucht? Die Wut findet im vernetzen Raum des Internets statt und erreicht weltumfassend ein internationales Publikum. Blogs, Chats, Online-Commity, Online-Tagebücher, Facebook, Gaming-Portale, YouTube, Second Life, bis hin zu dem Phänomen der sogenannten Netzkultur, all das bietet ideale Möglichkeiten, dem Affekt der Wut Ausdruck zu verleihen. Analog trifft auf virtuell und es kommt zu einer  Interaktion. Die Wut, die sich im Berliner öffentlichen Raum manifestiert, kann unmittelbar im Internet zu sehen sein. 

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Mit welchen Eindrücken der Berliner Wut werden wir im System des worldwideweb konfrontiert? Was geschieht mit der individuellen Wut dieser Jugendlichen, die hier leben im globalen Kontext? Bietet das Internet einen besseren Raum für die Emotion der Wut? Wo ist die Grenze der virtuellen Welt und dem richtigen Leben?

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Eine Kugel aus Kupferdraht wurde von den Jugendlichen konstruiert, die visuell der Weltuhr am Alexanderplatz angelehnt ist und inhaltlich die globale Vernetzung der Informationen darstellen soll. Die Größe und die Dichte der Verflechtungen wurden individuell gestaltet. Ein virtueller Raum wird, mittels der durchlässigen, runden Kabelkonstruktion und der hängenden Kofferschilder, greifbar gemacht und ergeben eine Einheit. Die Körperliche Passivität eines Users am Computer, wird durch das von Handarbeit entstanden Objekt, in eine Aktivität umgewandelt. Das nicht fassbare wird zu einem voluminösen Körper.

Klicken zum Vergrößern Die erste Phase beinhaltet die  Recherche im Internet, wo diverse Darstellungen (Bilder, Texte, Videos) der Wut veranschaulicht werden. Die  Darstellungen, mit denen sich die Jugendlichen am meisten identifizieren, wurden ausgewählt. Diese Bilder wurden per Screenshots aus dem Internet „gezogen“ und auf die Fläche der Kofferschilder geklebt. Die Darstellung der Wut auf den Kofferschildern symbolisiert die Reise und Vernetzung diverser Affekte der Wut. Kofferschilder sind für die Identität des Reisenden elementar, genauso wie die Darstellung der Wut für Menschen global äußerst wichtig sein kann. Dennoch sind sie austauschbar und vergänglich. Die Wut passt sich aktuellen Phänomen an.Klicken zum VergrößernDer Betrachter wird aufgefordert, sich interaktiv damit zu befassen. Er soll die Kugel berühren und drehen dürfen und die Möglichkeit bekommen, sich mit der Menge der Schilder auseinanderzusetzen. Die Kugel erscheint anfänglich leicht und verspielt. Nähert man sich jedoch den Bilder auf den Schildern, kann dieses in ein eher beklemmendes Gefühl umkippen. Die ersten Herausforderungen des Projektes lagen anfänglich in der Kommunikation. Wo die Sprache auf Grenzen stießen, gingen wir mit viel Humor und Engagement in den Bereich der Pantomime. Obwohl alle Teilnehmer wussten auf welches Thema sie sich einlassen, hatte ich dennoch die Sorge, ich könnte sie mit dem Thema der Wut überfordern oder  ihre Wunden entblößen. Mit Erstaunen habe ich jedoch erlebt, dass die Vorsicht ein Gefühl von mir war. Schonungslos und direkt zeigten sie ihre Wut in Form der Bilder. Der theoretische Ansatz des Themas Wut im globalen und virtuellen Kontext wurde in den Tagen der Erstellung der Objekte real. Die Wut des Iraners traf auf die Wut des Jugendlichen aus Sri Lanka. Der begrenzte und kreative Raum des Haus der Kulturen der Welt,  in dem wir arbeiteten, wurde zu einer Konferenzschaltung der Wut der jugendlichen Flüchtlinge.

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(Fotos von Monica Segura-Márquez)