Was denkst du über Wut?

Claire Waffel zieht mit einer Schreibmaschine durch die Stadt und fordert Menschen auf, ihre Erfahrungen mit diesem Gefühl auf’s Papier zu bringen. Dafür macht sie sich an einem Freitag um 11 Uhr zunächst in Kreuzberg auf die Suche nach einem passenden Ort. Im Café edelweiss im Görlitzer Park wird sie fündig.

 

 Klicken zum Vergrößern.

 

Nachdem sie der Kellnerin von ihrem Projekt erzählt hat, darf sie die Schreibmaschine gut sichtbar auf der Theke platzieren. Daneben stellt sie eine Karte mit der zentralen Frage ihres Projektes auf, „Was denkst Du über Wut?“. Die Besucher des Cafés beobachten den Aufbau, noch scheint sich aber niemand zu trauen, die Künstlerin anzusprechen. Claire macht daher den Anfang, setzt sich auf einen Hocker an die Theke und tippt einen Brief.

 

 Klicken zum Vergrößern.

 

Das wird sie nun jeden Tag so machen: Einen Brief schreibt sie selbst, die anderen sollen von Fremden beigesteuert werden. Das laute Klackern der Schreibmaschine sichert ihr die Aufmerksamkeit aller neu eintreffenden Cafébesucher. Ein Mitarbeiter spricht sie an, stellt interessierte Fragen zu ihrem Projekt und lässt sich überzeugen, selbst einen Brief zu schreiben. Es bleibt den Schreibenden selbst überlassen, wie sie an das Thema herangehen, am liebsten sind Claire jedoch persönliche Briefe, die an jemanden gerichtet sind, der den oder die Schreibende/n wütend macht. Es sollen keine Namen genannt werden, damit die Briefe anonym bleiben. Claire sammelt und kopiert die Briefe, steckt sie in Umschläge mit der Aufschrift „please read“, bitte lesen, und hängt sie an verschiedenen öffentlichen Orten in der Stadt aus. Außerdem werden sie in der Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt zu sehen sein.

 

 Klicken zum Vergrößern.

 

Es zeigt sich, dass es nicht ganz einfach ist, die Gäste zum Schreiben zu animieren. Die meisten sitzen in Gruppen zusammen und beobachten, was an der Theke geschieht, sehen die Schreibmaschine und das Schild, wagen sich aber nicht selbst vor. Claire beschließt, weiter zu ziehen. Sie möchte möglichst verschiedene Gruppen erreichen und sucht daher ein türkisches Café in der Nachbarschaft aus. Bereits am Eingang weist man sie jedoch darauf hin, dass für Frauen kein Einlass besteht. Der Besitzer kommt hinzu und lässt sich das Projekt erklären, schüttelt aber den Kopf, als er hört, dass es um Wut geht. Er möchte nicht, dass die Besucher seines Cafés sich beteiligen, weil er die Gefahr sieht, dies könne das scheinbar gängige Bild von den wütenden, aggressiven Türken bestätigen. 

 

Mit der Schreibmaschine im Gepäck durchwandert Claire den Bezirk, schaut sich verschiedene Cafés an, unter anderem in einer Kirche, doch um diese Zeit ist an den meisten Plätzen nicht viel los. Sie überlegt, wie der optimale Ort für ihr Projekt aussehen würde: Die Besucher müssen sich lange genug dort aufhalten, um in Ruhe schreiben zu können. Genug Platz muss vorhanden sein, um die Schreibmaschine gut sichtbar aufstellen zu können, möglichst so, dass dem Schreibenden nicht über die Schulter geschaut werden kann, da die Briefe in der Regel sehr privat sind. Außerdem ist eine gewisse Anzahl von Personen wünschenswert, allerdings nicht zu viele, weil sich sonst vermutlich niemand angesprochen fühlt und die Schreibmaschine im Gewühl untergeht.

In Kreuzberg wird sie nicht fündig, dafür kommt ihr die Idee, die laufende Berlinale für ihr Projekt zu nutzen. Viele Kinobesucher schauen sich mehrere Filme hintereinander an und verbringen in der Zwischenzeit längere Wartezeiten im Foyer oder im Café des Gebäudes. Claire hat einen Bekannten, der im Cubix-Filmpalast am Alexanderplatz arbeitet. Über diesen Kontakt ist es ihr nun möglich, ihre Schreibmaschine auf einem kleinen Tisch im 4. Stock mit Blick über den Alexanderplatz aufzubauen.

  Klicken zum Vergrößern.

Wo anfangs nur vereinzelte Personen auf den nächsten Film warten, füllt es sich eine halbe Stunde vor Einlass zusehends.

 

Klicken zum Vergrößern.

Claires Tisch ist  neben der Treppe nicht zu übersehen, Einzelne stellen auch Fragen, aber wieder ist es schwer, Freiwillige zu finden. Immerhin wird von völlig Fremden verlangt, sehr persönliche Briefe zu schreiben und sich mit einem unangenehmen Gefühl auseinander zu setzen, unter Umständen, während der Rest ihrer Gruppe auf sie wartet. Claire denkt über eine Planänderung nach.

Leave a Reply